Richtige Anwendung von Fentanyl TTS entscheidend
B. Donner, M. Strumpf, R. Dertwinkel, M. Zenz
Klinik für Anaesthesiologie, Intensiv-
und Schmerztherapie
Berufsgenossenschaftliche Kliniken Bergmannsheil Bochum
- Universitätsklinik
Deutsches Ärzteblatt 94, Heft 10, 7. März
1997 A-598
Transdermales Fentanyl ist in Deutschland
jetzt 2 Jahre zugelassen. Vom Konzept her handelt es sich um
eine neue Art der Schmerztherapie: "Schmerzfreiheit
durch ein Pflaster, das alle drei Tage gewechselt wird".
Aufgrund dieses Konzeptes sind das Drängen der Patienten
nach diesem Verfahren "ohne Tabletten" und die Faszination
vieler Kollegen hoch. Die Kenntnisse über dieses neue Therapieverfahren
sind jedoch in vielen Fällen unzureichend:
Im Rahmen von schmerztherapeutischen Fortbildungsveranstaltungen
wird immer wieder großes Interesse, aber auch große
Unsicherheit bezüglich der Anwendung von transdermalem Fentanyl
deutlich. Die Auswertung eines Fragebogens zu Fentanyl TTS bei
schmerztherapeutisch vorgebildeten und fortbildungsinteressierten Ärzten
(53 Fragebögen wurden zurückgegeben, überwiegend
Anästhesisten) zeigte deutlich: 70 % der Ärzte hatten
keine praktische Erfahrung mit dem Therapieverfahren. 60 % der
Befragten konnten keine Angaben zur Umstellung von anderen Opioiden
machen, von 37 % der Anästhesisten wäre eine Umstellung
im falschen Verhältnis erfolgt. 5 Kollegen wählten
einen Umrechnungsfaktor, der zu Überdosierungen hätte
führen können. Die Wirkungsdauer wurde von 30 % der
Befragten als zu kurz eingeschätzt. Über die Notwendigkeit
der stationären Umstellung herrschte Unklarheit, 18 Kollegen
würden die Patienten auch ambulant oder im Rahmen einer
Tagesklinik umstellen. Transdermales Fentanyl würde nach
dieser Umfrage von weit über 50 % der Kollegen auch bei
Nicht-Tumorschmerzen eingesetzt.
Im Arzneimitteltelegramm (1) wurde erfragt,
wie es sich mit der Umstellung einer gut funktionierenden Therapie
mit retardiertem
Morphin auf Fentanyl TTS verhält. Es wird darüber Auskunft
gegeben, daß die Therapieumstellung stationär erfolgen "soll",
korrekt würde es jedoch heißen "muß". Ärztliche
Kollegen berichteten in persönlichen Gesprächen über Überdosierungserscheinungen,
wenn Pflasterwechsel innerhalb der ersten 24 Stunden erfolgten.
In einem Fallbericht wird über eine Überdosierung bei
einem Patienten mit neuropathischen Schmerzen berichtet, dem
ein Viertel eines zerschnittenen Fentanyl TTS (50 µg/h)
appliziert wurde (8). Es wurde über ein zweijähriges
Kind mit Überdosierung durch Fentanyl TTS berichtet, nachdem
sich das System von der Großmutter, mit der das Kind schlief,
auf das Kind übertragen hatte (13). Wiederholt kam es zu
Anfragen, ob Fentanyl TTS im Bereich des schmerzenden Areals
appliziert werden muß. Diese Hinweise über die Ausbildungsdefizite
bzgl. der Anwendung von Fentanyl TTS machen es nötig, nochmals
auf die wichtigsten Daten hinzuweisen.
Fentanyl TTS gibt Fentanyl proportional
zur Applikationsfläche
ab (25 µg / h / 10 cm2). Die Kontrolle der Abgabe erfolgt
durch eine "rate control"-Membran (9). Um die Funktion
dieser Membran zu erhalten, darf diese nicht verletzt werden,
d.h. die Pflaster dürfen nicht zerschnitten werden. Erste
Serumspiegel werden nach 2 Stunden nachgewiesen. Das Plateau
wird in der Regel nach 8 - 16 Stunden erreicht. Nach Entfernung
des Pflasters beträgt die Halbwertszeit aufgrund des Hautdepots
auf durchschnittlich ca.16 Stunden (Tab.1) (2, 3, 9). Es stehen
vier veschiedene Größen zur Verfügung (Tab.2).
Werden Dosierungen von mehr als 2.4 mg / Tag benötigt, so
können mehrere Pflaster kombiniert werden. Aufgrund der
Applikationsfläche wird im klinischen Alltag eine obere
Grenze für die transdermale Therapie wahrscheinlich bei
ca. 200 cm2 liegen, d.h. bei der Applikation von 5 großen
Pflastern. Das entspricht einer oralen Äquivalenzdosis von
etwa 800 mg Morphin.
In Deutschland bestehen 2 wichtige Zulassungsbeschränkungen
für die Anwendung von Fentanyl TTS, die bei der Therapie
unbedingt Beachtung finden müssen:
· Zulassung nur für die Therapie
von Tumorschmerzen
·
Die Ersteinstellung auf transdermales Fentanyl muß stationär
erfolgen.
Transdermales Fentanyl muß als stark wirksames Opioid,
das nicht invasiv appliziert wird auf Stufe III des WHO-Stufenschemas
angesiedelt werden. Eine validierte Umrechnung der Vortherapie
auf Fentanyl TTS existiert bisher nur für die Vortherapie
mit oralem Morphin und Fentanyl i.v. (4, 16):
· mg orales Morphin / Tag : mg Fentanyl
TTS / Tag = 100 : 1.
· Fentanyl i.v. : Fentanyl TTS = 1 : 1.
Über eine Umstellung von einer subcutanen oder rektalen
Vormedikation liegen keine Erfahrungen vor. Es ist zu beachten,
daß in eine solche Umrechnung weitere Faktoren (z.B.: rektale
Bioverfügarkeit von Morphin ca. 18 % höher als orale
(15)) eingehen können. Für die Titrationsphase sollte
dem Patienten ein schnell verfügbares stark wirksames Opioid
zur Verfügung gestellt werden. Schmerzreduktion und Einnahme
dieser Zusatzmedikation müssen beim nächsten Pflasterwechsel
für eine mögliche Dosissteigerung berücksichtigt
werden. In der Langzeittherapie hat der Patient mit Hilfe der "escape
medication" die Möglichkeit, intermittierende Schmerzspitzen
zu kupieren. Diese Medikation eines stark wirksamen Opioids "bei
Bedarf" ist jedoch nicht als unkritisch zu betrachten. Sie
birgt prinzipiell die Gefahr der psychischen Abhängigkeit.
Der Patient muß über die Eigenschaften dieser Bedarfsmedikation
aufgeklärt werden, und die Einnahme muß überwacht
werden (Protokoll des Verbrauchs).
Die Wirkungsdauer von transdermalem Fentanyl
beträgt in
der Regel 72 Stunden (7). Bei einem Teil der Patienten kann aber
ein 48-stündiger Pflasterwechsel erforderlich sein (ca.
25 - 40 %) (5,11,16). In kürzeren Abständen sollte
das transdermale System nicht gewechselt werden, um ansteigende
Serumkonzentrationen zu vermeiden (7). Löst sich ein Fentanyl
TTS ab, so sollte es an der gleichen Stelle mit Pflaster erneut
fixiert werden. Innerhalb der ersten 24 Stunden sollte Fentanyl
TTS nicht gegen ein neues Pflaster ausgetauscht werden. Durch
die "Priming dose" könnte es dann zu Überdosierungen
kommen.
Die Nebenwirkungen sind im wesentlichen
die bekannten Nebenwirkungen von Opioiden. Die Inzidenz an Übelkeit, Erbrechen, Schwindel,
Müdigkeit etc. unterscheidet sich in den meisten Studien
nicht von der Vortherapie, die in der Regel mit Morphin erfolgte.
Es existieren zunehmend Hinweise, daß die Obstipation unter
der transdermalen Therapie im Vergleich zur oralen Morphintherapie
geringer ausgeprägt sein könnte (4,10,12,16).
Als besondere Nebenwirkung muß bei der transdermalen Applikation
die Hautverträglichkeit berücksichtigt werden. Wegen
der unterschiedlichen Hautdicke sollte die Applikation von transdermalem
Fentanyl vorwiegend am Oberkörper oder auf der Außenseite
der Oberarme erfolgen. Die Applikationsstellen sollten regelmäßig
gewechselt werden, damit sich die Haut von der Okklusion durch
das Pflaster erholen kann. Areale, die vorbestrahlt sind, aktive
Hauterkrankungen oder Verletzungen aufweisen, müssen von
der Applikation ausgenommen werden, da an diesen Stellen die
Funktion des Stratum corneum erheblich verändert sein kann,
so daß die transdermale Resorption unkalkulierbar wird.
Hautreaktionen unter dem Pflaster werden
intermittierend bei einem Großteil der Patienten beobachtet. Meistens handelt
es sich jedoch nur um eine Rötung, die sich in den ersten
Stunden nach Entfernung des Pflasters zurückbildet. Juckreiz, Ödem,
Papeln oder Pusteln sind seltene Nebenwirkungen. Generalisierte
Hauterscheinungen sind bisher nur in 2 Fällen beschrieben
(6,14).
Fazit für den klinischen Alltag: Unter Berücksichtigung
der spezifischen Eigenschaften der transdermalen Applikation
(u.a. intaktes Pflaster, unversehrte Haut, Wirkungsdauer 48 -
72 Stunden) stellt Fentanyl TTS eine Alternative zur Therapie
von Karzinomschmerzen dar, die auf Stufe III des WHO-Stufenschemas
einzuordnen ist. Die Dosistitration muß sorgfältig
erfolgen. Schnell wirksame Opioide müssen dem Patienten
zur Titration in der Einstellungsphase und für Schmerzattacken
zur Verfügung stehen, wobei vor dem unkritischen Gebrauch
dieser Medikation zu warnen ist. Die Zulassungsbeschränkungen
(Karzinomschmerz, stationäre Umstellung) für Fentanyl
TTS und die besonderen Eigenschaften des Therapiekonzeptes sollten
unbedingt beachtet werden, um nicht durch Fehlanwendung Patienten
zu gefährden.
Literaturverzeichnis:
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in der Tumorschmerztherapie. Der Schmerz, 1993; 7: 18-24
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zur postoperativen Schmerztherapie. Anaesthesist 1993; 42: 309-315
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to fentanyl TTS - a multicenter study. Pain 1996; 64: 527 - 534
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Pain 1989; 37: 193-202
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