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Psychologische Schmerztherapie
Willweber-Strumpf A., Aschke M.
Teil I
· 1. Psychologische Therapie chronischer
Schmerzen - Warum?
· 2. Psychologische Therapie chronischer Schmerzen - Wann?
Teil II
· 3. Psychologische Methoden zur
Behandlung chronischer Schmerzen
· 3.1. Psychophysiologische Verfahren
· 3.1.1.Entspannungsverfahren
· 3.1.2.Biofeedback
· 3.2. Hypnose
· 3.3. Operante Verfahren
· 3.4. Kognitiv-verhaltenstherapeutische Verfahren
Teil III
· 4. Probleme
und Lösungsansätze
beim Einsatz psychologischer Verfahren in der Behandlung chronischer
Schmerzen
· 4.1. Patienten
· 4.2. Ärzte
· 4.3. Psychosoziale Versorgungslage
· 5. Ausblick
1. Psychologische Therapie chronischer Schmerzen - Warum? (nach
oben)
Chronische Schmerzen werden heute auf der
Grundlage eines bio - psycho- sozialen Modells erklärt. Für die Entstehung,
aber auch für die Aufrechterhaltung und Chronifizierung
von Schmerzzuständen spielen neben somatischen auch soziale
und psychologisch prädisponierende Faktoren eine besondere
Rolle. Bei den psychischen Faktoren wird unterschieden zwischen
kognitiven Komponenten (gedankliche Verarbeitung und Bewältigung
der erlebten Schmerzen), affektiven Komponenten (gefühlsmäßige
Verarbeitung und Bewältigung der erlebten Schmerzen) und
Verhaltenskomponenten (z.B. Schonverhalten, Vermeidungsverhalten,
Mimik, Gestik, Umgang mit Medikamenten).
Die psychischen Faktoren des Schmerzerlebens
können (Mit-)Ursache
der Schmerzen sein, sie können aber auch Folgen der lang
anhaltenden Schmerzen sein.
Bei einigen Patienten lassen sich psychische
Faktoren eruieren, die in einem deutlichen Zusammenhang mit
dem Schmerzbeginn stehen:
psychosoziale Probleme, physische oder psychische Traumata, physische
oder psychische Überforderungssituationen, extremes Leistungs-
oder Durchhalteverhalten. In diesen Fällen kann die psychische
Situation den Betroffenen bei Verletzungen oder Erkrankungen "schmerzbereiter" machen.
Lang anhaltende - auch somatisch begründbare - Schmerzen
bleiben nicht ohne Auswirkungen auf das Allgemeinbefinden, die
Gedanken, die emotionale Situation, das Verhalten des Betroffenen.
Abnehmende subjektive Leistungsfähigkeit, Schlafprobleme
und zunehmende Reizbarkeit werden von fast allen Patienten mit
chronischen Schmerzen beschrieben. Viele Patienten geraten mit
zunehmender Dauer der Schmerzen in einen circulus vitiosus. Die
Gedanken richten sich zunehmend auf das scheinbar nicht lösbare
Schmerzproblem und die Beobachtung der Symptome. Erfolglose Behandlungsversuche
führen zu Hilflosigkeit und Gefühlen des Ausgeliefertseins.
Die Betroffenen ziehen sich immer mehr in sich zurück, verlieren
soziale Kontakte, berufliche und familiäre Probleme entstehen.
Es resultiert eine zunehmende affektive Labilität, die sich
zum Vollbild einer Depression entwickeln kann. Der Schmerz hat
somit vielfältige psychische und soziale Folgen, die ihrerseits
wiederum das Schmerzerleben beeinflussen und aufrechterhalten.
Ob und in welchem Ausmaß eine solche Entwicklung eintritt,
hängt von den individuellen psychologischen Risikofaktoren
für die Chronifizierung der Schmerzen bei der betroffenen
Person ab. Hasenbring (1992) identifizierte bei Patienten mit
radikulären Rückenschmerzen folgende Risikofaktoren
für die Chronifizierung.
· Vermeidungsverhalten bei sozialen und körperlichen
Aktivitäten
·
Durchhaltestrategien im Sinne habitueller Überforderung
trotz stärkster Schmerzen
· nichtverbales Ausdrucksverhalten: Signalisieren von Schmerzen
durch
·
Mimik, Gestik, Körperhaltung, Stimmlage, Betonung
· Ablenkung im Sinn des Ignorierens
Mit psychologischen Behandlungsmethoden kann der Prozeß der
Schmerzverarbeitung modifiziert werden, die psychischen und sozialen
Folgen der Schmerzen können beeinflußt werden. Häufig
ist damit eine Schmerzreduktion verbunden. Darüber hinaus
können psychologische Behandlungsmethoden den Patienten
helfen, ihr Leben mit dem gegebenenfalls fortbestehenden Schmerz
erträglicher zu gestalten.
2. Psychologische Therapie chronischer
Schmerzen - Wann? (nach oben)
Obwohl mittlerweile eine Vielzahl von psychologischen
Fragebögen
und Meßinstrumenten vorliegen, gibt es zur Zeit und voraussichtlich
auch in Zukunft kein eindeutiges Screening-Instrument, mit dem
die Indikation zur psychologischen Schmerztherapie schnell und
einfach erfolgen kann. Chronischer Schmerz ist ein äußerst
individuelles Problem, das Menschen mit einer individuellen Persönlichkeit
und Entwicklung in einer individuellen Lebenssituation betrifft.
Chronischer Schmerz ist ein Puzzle aus medizinischen, psychologischen
und sozialen Anteilen, die gesammelt, sortiert und zu einem Ganzen
zusammengefügt werden müssen, um zu einer Diagnose
zu gelangen. Eine exakte Diagnose ist aber die Vorausetzung für
die Auswahl der therapeutischen Maßnahmen.
Informationsquelle sind Anamnese und Diagnostik.
Bei jedem Patienten mit chronischen Schmerzen sollte neben
der medizinischen eine
psychosoziale Anamnese und Diagnostik durchgeführt werden.
Dies erfolgt in der Regel durch ein klinisches Interview; ergänzende
Hinweise können durch standardisierte psychologische Fragebögen
und Ratingskalen gewonnen werden. Ziel der psychologischen Anamnese
ist es, die disponierenden, auslösenden und stabilisierenden
psychosozialen Bedinungsfaktoren der geklagten Schmerzen zu erfassen.
Nilges und Wichmann-Dorn (1992) nennen
folgende Themenschwerpunkte für die psychologische Anamnese:
· Aktuelle Schmerzen: Lokalisation, Qualität, Häufigkeit,
Dauer, Intensität, Beginn
· Entwicklung: Behandlungsbeginn und -versuche, Medikamentenanamnese,
sozialmedizinische Verfahren
·
Einflussfaktoren und Bedingungen: schmerzreduzierende und schmerzverstärkende
Faktoren, Schmerzverhalten, Medikamenteneinnahmenverhalten, Bewältigungsversuche,
Reaktionen von Bezugspersonen, Beeinträchtigung durch Schmerz
(Alltag, Beruf, soziale Kontakte)
·
Sonstige Beschwerden: aktuelle und frühere Beschwerden und
Krankheiten, Unfälle, Operationen, depressive Symptome und Ängstlichkeit
(jeweils früher und heute), Angstanfälle
·
Familienanamnese: Krankheiten der Angehörigen, Todesfälle,
Familienstruktur (Geschwisterposition, Rollen, Aufgabenverteilungen),
emotionale Atmosphäre, Erziehungsstil
·
Persönliche Entwicklung und aktuelle Lebenssituation: Beziehung
/ Ablösung vom Elternhaus, schulische / berufliche Entwicklung
(Arbeitsstil, Ziele, Beziehung zu Kollegen, Arbeitsklima), Partnerschaft,
Ehe, Sexualität, Kinder, Wohnsituation, finanzielle Situation,
Sozialkontakte, Hobbys (bei allem: Veränderung durch Schmerz?)
·
Persönlichkeit, Bewältigungsstrategien: Selbstbeschreibung,
Fremdbeurteilung, Streßbewältigung
·
Krankheitskonzept: subjektives Erklärungsmodell, Kontrollüberzeugung,
Verän-derungserwartung
Das psychologische Anamnesegespräch erfordert psychologische
und schmerztherapeutische Kompetenz, Erfahrung und Einfühlungsvermögen,
um mit möglichen Widerständen der Patienten umgehen
zu können, aber auch um Ängste, Peinlichkeit oder Entlarvungsgefühle
bei den Patienten zu verhindern. Gleichzeitig sollte das Anamnesegespräch
so gestaltet sein, daß für eine möglicherweise
nachfolgende psychologische Therapie eine erste Motivationsgrundlage
geschaffen wird.
Die Auswertung der erhobenen Informationen
führt zu der
Entscheidung, ob und welche psychologischen Therapiemaßnahmen
indiziert sind, unabhängig vom Nachweis einer somatischen
Erkrankung. Indikationen zur psychologischen Schmerztherapie
sind:
· erkennbare Risikofaktoren (Vermeidungsverhalten,
Durchhaltestrategien, nichtverbales Ausdrucksverhalten, Ignorieren)
·
unzureichende Streß- und Belastungsverarbeitung
·
gestörte emotionale und kognitive Schmerzverarbeitung
· mangelnde Strategien zur Schmerzbeeinflussung
·
unzureichende Krankheitsbewältigung bei körperlichen
Beeinträchtigungen
·
ausgeprägte und viele vegetative Symptome
·
ausgeprägte Inaktivität und sozialer Rückzug
·
Depressionen und Ängste
·
Medikamentenmißbrauch und -abhängigkeit
· psychosoziale Konfliktsituationen
Es ist wichtig zu beachten, daß die psychologische Anamnese
und Diagnostik kein Ausschlußverfahren darstellt, d.h.
trotz erheblicher Beeinflussung der geklagten Schmerzen durch
psychische Faktoren kann gleichzeitig ein medizinisch behandlungsbedürftiger
Befund - also eine sogenannte Komorbidität - vorliegen.
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