Taschenbuch der Schmerztherapie 

Michael Zenz
Taschenbuch der Schmerztherapie
Bochumer Leitlinien zur Diagnostik und Therapie
Wissenschaftliche Verlagsgeschellschaft mbH Stuttgart, 1995
 
2.7 Schmerzen am Bewegungsapparat

 

Vorkommen, Häufigkeit:  

In Deutschland leidet jeder Dritte ständig unter Rückenschmerzen, nur etwa jeder fünfte Erwachsene bleibt von Rückenschmerzen verschont (Abb. 20).
Rückenschmerzen sind häufigste Ursache für einen Arztbesuch  und eine stationäre Krankenhausbehandlung. 
Erkrankungen des Bewegungsapparates als häufigste Ursache  längerer Arbeitsunfähigkeit führen zu 

 

1. Akute Rückenschmerzen

80 bis 90% der Bevölkerung westlicher Industrienationen  erkranken wenigstens einmal in ihrem Leben an Rückenschmerzen. 80% der Patienten erleben innerhalb von 8 Wochen einen Rückgang der Beschwerden - unabhängig von  der Behandlung! 

Für Deutschland gilt: 

 
Abb.20: Verteilung der Arbeitsunfähigkeitszeiten nach Krankheitsarten 1990/91 (Aus: Amtliche Mitteilung der Bundesanstalt für Arbeitsschutz 1994)

Erkrankungsbeginn im jüngeren bis mittleren Lebensalter: 

Grundsätzlich günstiger Spontanverlauf,  jedoch häufig Rezidive (60 bis 80%) 

Ggf. Auftakt zu langwierigen oder chronifizierenden Krankheitsverläufen 

 7% der Patienten mit akuten Rückenschmerzen sind längerfristig arbeitsunfähig. Sie verursachen 80% der Gesamtbehandlungskosten des „Krankheitsbildes Rückenschmerz". 

Hauptproblem: Chronifizierung der Beschwerden

 

2. Chronische Rückenschmerzen

Zunehmendes Problem für medizinisches Versorgungssystem, Arbeitgeber, Versicherungsträger, da unvermindert aufwärts steigender Trend hinsichtlich Behandlungszahlen, Kosten, Invaliditätsraten: 

Sozialmedizinische Probleme chronischer Rückenschmerzen: 

Häufigste Behandlungsfehler in der Praxis: 

Häufigste Fehler in den Kliniken: 

 

Radikuläre Rückenschmerzen 

Vorkommen, Häufigkeit:  
Ca. 10% aller Rückenschmerzen. Junge Männer etwas häufiger betroffen 

Symptome

Kardinalsymptom: 
Schmerzen im Bein (oder Gesäß) stärker als Rückenschmerzen 

Schmerzqualität:  
Stechender, ziehender Schmerz. Oft „elektrischer Schlag". 

Schmerzintensität:  
Mittelschwer bis schwer 

Zeitlicher Verlauf: 
Zunächst bewegungsabhängiger Schmerz, im weiteren Verlauf Dauerschmerz .

Lokalisation:
Bereich untere Lendenwirbelsäule mit Ausstrahlung nach distal, meist einseitig 

Abb. 21: Radikulärer Rückenschmerz

Anamnese:  

Körperliche Untersuchung:  

Apparative Diagnostik:  

Diagnostische Kriterien:  

Zwei der vier folgenden möglichen Zeichen müssen positiv  sein: 

 

Begleitsymptome 

Keine

 

Differentialdiagnose 

(Nach dem „diagnostischen Rückenschmerzprogramm der Deutschen Klinik für Diagnostik") 

 

Therapie

1. Akute radikuläre Rückenschmerzen

1. W A H L
A L T E R N A T I V E
Entlastung durch Lagerung (z.B. Stufenbett) max. 1 Woche 

begleitend
 
epidurale Corticosteroidgabe z.B. 4 mg Dexamethason auf 10 ml NaCl 

bei unzureichender Wirksamkeit
periradikuläre Corticosteroidgabe 
z.B. 4 mg Dexamethason auf 5 ml NaCl
Ibuprofen ret. 2 x 800 mg / Tag, dann aufbauend
Naproxen 2 x 500 mg / Tag 
Paracetamol 4 x 1000 mg / Tag 
Metamizol 4 x 1000 mg / Tag

Beachte: 
1. Operation immer erst nach sechswöchiger konservativer Therapie (Ausnahme: absolute Op-Indikation) 
2. Strenge Indikationsstellung zwingend erforderlich, um Postlaminektomiesyndrom zu vermeiden

 

2.Chronische radikuläre Rückenschmerzen

1. W A H L
A L T E R N A T I V E
Krankengymnastik 

ggf. vorübergehende medikamentöse Abschirmung mit 
Ibuprofen ret. 2 x 800 mg / Tag

bei unzureichender Wirksamkeit

Naproxen 2 x 500 mg / Tag 
Paracetamol 4 x 1000 mg / Tag 
Metamizol 4 x 1000 mg / Tag
Dextropropoxyphen ret. 
2-3 x 150-300 mg / Tag 

bei unzureichender Wirksamkeit
retardiertes Dihydrocodein 
2-3 x 60-180 mg /Tag
Buprenorphin 
3-4 x 1-6 Tbl. / Tag 
retardiertes Morphin 
2-3 x 10-? mg / Tag

 

Begleittherapie

Antidepressiva

1. W A H L
A L T E R N A T I V E
Amitriptylin 
1. Woche: abds. 10 mg 
2. Woche: 3 x 10 mg / Tag 
alternativ abds. 25mg 
3. - 4. Woche: 3 x 25 mg / Tag 
alternativ abds. 50mg ab 5. Woche: Dosierung nach Wirkung und Nebenwirkung
Doxepin 3 x 10 bis 3 x 50 mg 
Imipramin 10-10-0 bis
25-25-0 mg 
Clomipramin 10-10-0 bis 25-25-0 mg

Psychosoziale Maßnahmen (besonders wichtig): 
Entspannungsverfahren, Schmerzbewältigung, Streßbewältigung, Veränderungen am Arbeitsplatz.

 

Prognose

Akute radikuläre Rückenschmerzen: 
Gut bei frühzeitiger therapeutischer Intervention und Abkehr von passiver Haltung sowie Aufbau eines Trainingsprogramms. 

 

Chronische radikuläre Rückenschmerzen:  

 

Typische Gefahren, Fehler, Komplikationen

 

Nicht-radikuläre Rückenschmerzen  

Vorkommen, Häufigkeit:  
Ca. 90% aller Rückenschmerzen. Männer und Frauen gleichermaßen betroffen.

 

Symptome

Kardinalsymptom:  
Anlaufschmerz morgens nach dem Aufstehen (= „steifes Kreuz") 

Schmerzqualität:  
Dumpfer, tief sitzender Schmerz 

Schmerzintensität: 
Mittel bis schwer 

 

Zeitlicher Verlauf:

  1. Akute / subakute Rückenschmerzen: Einmalig auftretende Rückenschmerzen, die nach einer entsprechenden Therapie innerhalb weniger Wochen vollständig ausheilen 
  2. Rezidivierende/chronische Rückenschmerzen: Wiederholt auftretende Rückenschmerzen, die zumeist mehrmals im Jahr - u.U. über mehrere Jahre - einer somatischen Therapie nach klassischen Verfahren (physikalische / manuelle Therapie, Blockadetechniken) bedürfen 
  3. Chronifizierte Rückenschmerzen: Permanent vorhandene Rükkenschmerzen als eigenständiges Krankheitsbild mit zahlreichen psychosozialen Variablen 

 

Lokalisation: 

Einseitig oder beidseits paravertebral mit Ausstrahlung nach lateral oder distal

Abb. 22: Nicht-radikulärer Rückenschmerz

Anamnese: 

 

Prognostisch ungünstige Faktoren: 

 

Körperliche Untersuchung: 

Inspektion (Haltung der Wirbelsäule, Stellung des Beckens, Beinlänge, Bauch)
Palpation (Myogelosen, Druckdolenzen, sakroiliakales Gelenk, Bauchmuskulatur)
Neurologische Untersuchung (häufig Dysästhesie, Hyperalgesie, Hypertonus der Muskulatur, unauffällige Muskeleigenreflexe) 

 

Apparative Diagnostik: 
(Meist ohne pathologischen Befund) 

 

Begleitsymptome 

Depression, Leistungsabfall, häufig passive Haltung, häufig Übergewicht

 

Differentialdiagnose 

(nach dem „diagnostischen Rückenschmerzprogramm der 
Deutschen Klinik für Diagnostik") 

 

Therapie

1. Akute nicht-radikuläre Rückenschmerzen

1. W A H L
A L T E R N A T I V E
Bettruhe 
max. 2 Wochen 

begleitend

Ibuprofen retard 2 x 800 mg /Tag

nach max. 2 Wochen
Naproxen 2 x 500 mg / Tag 
Paracetamol 4 x 1000 mg / Tag 
Metamizol 4 x 1000 mg / Tag
Mobilisation  
Krankengymnastik  
physikalische Therapie
 

 

2. Rezidivierende, chronische nicht-radikuläre Rückenschmerzen

1. W A H L
A L T E R N A T I V E
Bettruhe 
max. 2 Wochen 

begleitend

Ibuprofen retard 2 x 800 mg /Tag
 
nach max. 2 Wochen 
Naproxen 2 x 500 mg / Tag 
Paracetamol 4 x 1000 mg / Tag 
Metamizol 4 x 1000 mg / Tag
Mobilisation  
Krankengymnastik  
physikalische Therapie
 

Begleittherapie: 

 

3. Chronifizierte nicht-radikuläre Rückenschmerzen

1. W A H L
A L T E R N A T I V E
Ibuprofen retard 2 x 800 mg / Tag
 
bei unzureichender Wirksamkeit
Naproxen 2 x 500 mg / Tag 
Paracetamol 4 x 1000 mg / Tag 
Metamizol 4 x 1000 mg / Tag
retardiertes Dextropropoxyphen 
2 - 3 x 150 - 300 mg / Tag 

parallel zur medikamentösen Therapie
retardiertes Dihydrocodein 
2 - 3 x 60 - 180 mg / Tag
interdisziplinäre, multifaktorielle Behandlung 
  • Physiotherapie
  • Sporttherapie
  • Ergotherapie
  • Psychotherapie
  • Sozialarbeiter
 
 

Begleittherapie

 

Antidepressiva

1. W A H L
A L T E R N A T I V E
Amitriptylin 

1. Woche: abds. 10 mg 
2. Woche: 3 x 10 mg / Tag 
alternativ abds. 25mg 
3. - 4. Woche: 3 x 25 mg /Tag 
alternativ abds. 50mg 
ab 5. Woche: 
Dosierung nach Wirkung und Nebenwirkung

Doxepin 3 x 10 bis 3 x 50 mg 
Imipramin 10-10-0 bis 25-25-0 mg 
Clomipramin 10-10-0 bis 25-25-0 mg

Behandlungsziele 

 

Prognose

 

Typische Gefahren, Fehler, Komplikationen

Begünstigung der Chronifizierung des Krankheitsbildes 
durch Einsatz passiver Behandlungsmethoden 

 

Literatur

 

[ Zurück zur Homepage | Impressum | Webmaster ]


© 1999 BG Kliniken Bergmannsheil Bochum, Klinik für Anaesthesiologie, Intensiv- und Schmerztherapie.
Alle Rechte vorbehalten. Alle Angaben ohne Gewähr. Stand: 24.03.1999
http://www.anaesthesia.de