Themen der Schmerztherapie
1. Tumorschmerz
Schmerzursachen
bei Krebspatienten
Wann treten Schmerzen auf?
Realistische Ziele der Schmerztherapie
Kurative Therapie, Blockadetherapie
Orale Therapie nach Stufenplan und Zeitschema
Stufe II: Nicht-Opioid-Analgetika + schwache Opioide
Stufe III: Nicht-Opioid-Analgetika + starke Opioide
Adjuvante Medikamente
Alternativen zur oralen Medikation
Nebenwirkungen
Ausblick
Schmerzursachen bei Krebspatienten.
(nach oben)
Durch Malignome hervorgerufene Schmerzen
sind das Ergebnis verschiedener Schmerzursachen, die sowohl
einzeln als auch in Kombination auftreten
können. Man unterscheidet grundsätzlich Schmerzen,
die durch den Tumor selbst bedingt sind (60 - 90 %), von Schmerzen,
die durch die Tumortherapie hervorgerufen werden können
(10 - 25 %). Daneben können auch Schmerzen auftreten, die
nicht auf den Tumor oder die Therapie zurückzuführen
sind, sog. "tumorassoziierte Schmerzen" (5 - 20 %)
oder gänzlich tumorunabhängige Schmerzen (3 - 10 %).
Grundsätzlich muß mit chronischen und akuten Schmerzen
gerechnet werden.
Wann treten Schmerzen auf? (nach
oben)
50 % der Krebspatienten berichten über Schmerzen. In fortgeschrittenen
Stadien der Tumorerkrankung sind es sogar 70 %. Bonica zieht
den Rückschluß, daß 1984 von den weltweit 4,
3 Millionen Patienten, die an Krebs starben, 3 Millionen unter
Schmerzen litten. Zusätzlich hatten 16 Millionen der in
diesem Jahr überlebenden Tumorpatienten Schmerzen. Aus diesen
Zahlen geht hervor, daß Patienten in fortgeschrittenen
Stadien der Krebserkrankung sehr häufig Schmerzen beklagen.
Bei der Auswertung von 50 epidemiologischen Studien zeigt sich
eine Schmerzprävalenz von ca. 37 % für Frühstadien,
70 % für fortgeschrittene Stadien (Metastasen) und 73 %
für Terminalstadien. Daher ist nicht davon auszugehen, daß nur
Patienten in Finalstadien über Schmerzen klagen, was eine
rechtzeitige Schmerztherapie nach sich ziehen muß.
Realistische Ziele der Schmerztherapie (nach
oben)
Das ideale Therapieziel aus der Sicht der
Schmerztherapie ist Schmerzfreiheit. Es ist aber leider so,
daß lediglich bei
weniger als der Hälfte der Krebspatienten dieses Therapieziel
erreicht wird, wie Studien in den USA und England gezeigt haben.
Gerade der Tumorschmerzpatient kann Schmerzbilder bieten, die
nicht vollständig beherrscht werden können. So definieren
Portenoy und Hagen den "breakthrough pain" als zeitweise
Exazerbation von Schmerzen, die über einem gut reduzierten
Ruheschmerz bei einem Patienten auch unter dauernder Schmerztherapie
auftreten können. Bei etwa zwei Dritteln der Patienten können
diese Schmerzen beobachtet werden. Der "incident pain" wird
durch eine Aktion des Patienten induziert, durch Bewegung, Schlucken,
Wasserlassen, Defäkation oder Husten, z. B. beim Patienten
mit Bronchialkarzinom, dessen Hustenstoß eine kaum adäquat
kupierbare Schmerzspitze verursacht. Das realistische Therapieziel
stellt somit die Schmerzlinderung auf ein für den Patienten
akzeptables Schmerzniveau dar. Dabei müssen Nutzen, Risiko
und Nebenwirkung der Therapie in ein tragbares Verhältnis
gesetzt werden. Durch eine wirksame Schmerztherapie wird nicht
zuletzt die Lebensqualität gesteigert.
Kurative Therapie, Blockadetherapie (nach
oben)
Die kurative Beseitigung von Schmerzen
ist natürlich die
Therapie der Wahl. Auch der Schmerztherapeut hat onkologische
Therapiekonzepte zu überdenken und den Patienten ggf. entsprechend
weiterzuleiten. Ist eine kausale Therapie zur Behandlung von
Tumorschmerzen unmöglich, können vor dem Einsatz von
Medikamenten bei einigen wenigen Patienten Nervenblockaden, Regionalanaesthesien
oder Neurolysen in Betracht kommen. Klassische Indikationen für
Neurolysen als Schmerztherapie der ersten Wahl sind die Neurolyse
des Plexus coeliacus beim Pankreaskopf - Karzinom oder die S
3 - S 5 - Neurolyse bei streng anal und perianal begrenzten Schmerzen
des Patienten mit Rektumkarzinom.
Orale Therapie nach Stufenplan und Zeitschema (nach
oben)
Bei den meisten Patienten muß die orale medikamentöse
Therapie nach dem Stufenschema der Weltgesundheitsorganisation
(WHO) mit Nicht - Opioid - Analgetika und Opioid - Analgetika
erfolgen. Diese Medikamente werden nach Twycross "by the
clock, by the ladder, by the mouth" gegeben. Dies bedeutet:
Voraussetzung für eine erfolgreiche Therapie ist der konsequente
Einsatz oraler Medikamente "nach der Uhr". Der Applikationsrhythmus
des verwendeten Präparates richtet sich nach dessen Wirkungsdauer.
Durch diese gleichmäßige analgetische Abschirmung
("Schmerzprophylaxe") werden Schmerzspitzen weitgehend
vermieden und der Entwicklung einer psychischen Abhängigkeit
vorgebeugt.
Die WHO führt als Standardsubstanz Acetylsalicylsäure
auf. Als Alternative kommt laut WHO Paracetamol infrage. Die
Tagesdosierungen betragen 1 - 6 g für Acetylsalicylsäure
und 2 - 6 g für Paracetamol, die auf 4 - 6 Einzelgaben nach
Zeitschema verteilt werden. Acetylsalicylsäure ist bei Knochenmetastasen
gut wirksam. Patienten mit Knochenschmerzen, die Acetylsalicylsäure
nicht vertragen, können Ibuprofen erhalten, das in einer
Dosierung von 800 mg in retardierter Form eine Wirkungsdauer
von 12 - 24 Stunden besitzt und als Langzeit - Medikament daher
besonders für den Einsatz bei chronischen Schmerzen geeignet
ist. In Deutschland steht noch das Metamizol (Novalgin ) zur
Verfügung, das zusätzlich eine gute spasmolytische
Wirkung erzielt.
Stufe II: Nicht-Opioid-Analgetika + schwache Opioide (nach
oben)
Gerade bei den starken, eher diffus lokalisierten
Krebsschmerzen sind Nicht - Opioid - Analgetika allein oft
nicht ausreichend.
Die WHO nennt als wichtigste Vertreter aus der Gruppe der schwach
wirksamen Opioide zuerst das Codein und als Alternative Dextropropoxyphen.
In Deutschland ist als weitere Alternative noch die retardierte
Form des Dihydrocodeins und des Tramadols gebräuchlich.
Dextropropoxyphen gibt es hier ebenfalls in einer retardierten
Form mit 150 mg (Develin ) und einer Wirkungsdauer von 8 bis
12 Stunden. Diese Substanzen unterliegen in Deutschland nicht
der Betäubungsmittel- Verschreibungsverordnung (BtmVV).
Stufe III: Nicht-Opioid-Analgetika + starke Opioide (nach
oben)
Starke Opioid-Analgetika sind die Hauptstütze der Therapie
mittelstarker oder starker Tumorschmerzen. Die WHO nennt als
erstes Medikament Morphinhydrochlorid bzw. -sulfat in wäßriger
Lösung. In Deutschland werden Opioide mit langer Wirkungsdauer
wie die retardierte Morphintablette (MST ) mit 8 - 12 Stunden
oder Kapseln mit bis zu 24 Stunden (MST continus ), retardierte
Suspension (MST Retardgranulat ) mit 8 - 12 Stunden oder Buprenorphin
- Sublingualtabletten (Temgesic ) mit 6 - 8 Stunden Wirkungsdauer
empfohlen. Typische Applikationszeitpunkte bei achtstündiger
Gabe sind 7.00, 15.00, 23.00 Uhr. Bei Morphin retard Tabletten
beginnt man je nach Schmerzstärke mit einer Dosis von 3
x tgl. 10 - 30 mg. Bei manchen Patienten reicht eine zweimal
tägliche Gabe aus. Das Zeitintervall kann jedoch nicht auf
weniger als 8 Stunden reduziert werden, da dies bereits der Mindestwirkungsdauer
des Präparates entspricht. Bei unzureichender Analgesie
muß man dann in Schritten um jeweils 50 - 100 % die Einzeldosis
erhöhen. Man steigert jetzt z. B. 3 x 10 mg Morphin retard
auf 3 x 20 mg (100 % Steigerung), bei nicht ausreichender Wirkung
auf 3 x 30 mg (50 % Steigerung). Die notwendigen Dosierungen
finden sich bei solchen Titrationen spätestens innerhalb
von 2 bis 3 Wochen.
Bei allen Opioiden können die erforderlichen Tagesdosierungen
individuell sehr unterschiedlich sein. Bei Morphin retard lagen
die von uns eingesetzten Dosierungen zwischen 20 mg und 3000
mg / Tag. Sie können jedoch auch weit darüber liegen.
Die durchschnittliche Tagesdosis bei unseren Patienten mit Tumorschmerzen
lag bei 368 mg Morphin retard oral.
Adjuvante Medikamente (nach
oben)
Hierbei ist zu berücksichtigen, daß es sich um Medikamente
handelt, deren ursprünglicher Zweck nicht primär die
Schmerzreduktion darstellt. Es werden Antidepressiva, Neuroleptika,
Antikonvulsiva und Corticosteroide empfohlen. Aus schmerztherapeutischer
Sicht sind z. B. Antidepressiva bei Dysaesthesien (Brennschmerzen)
oder neuropathischen Dauerschmerzen indiziert, wie sie z. B.
infolge einer tumorösen Nerveninfiltration auftreten können.
Bei einschießenden neuropathischen Schmerzen werden Antiepileptika
eingesetzt. Der analgetische Effekt von Opioiden wird jedoch
durch die gleichzeitige Verabreichung von Antidepressiva oder
Neuroleptika nicht potenziert. Corticosteroide vermindern das
perineurale Ödem und den Druck auf das Nervengewebe und
führen so indirekt zur Schmerzlinderung. Daneben wird häufig
eine Appetitsteigerung und Stimmungsaufhellung beobachtet. Ergänzend
zu den WHO - Empfehlungen können bei osteolytischen Knochenmetastasen
Bisphosphonate wie Pamidronat (Aredia ) eingesetzt werden. Hierdurch
werden nicht nur die Calciumspiegel normalisiert, sondern auch
Schmerzen reduziert.
Alternativen zur oralen Medikation (nach
oben)
In seltenen Fällen, bei denen die orale Therapieform bei
der Karzinomschmerztherapie an ihre Grenzen stößt,
kommen als Alternative die subcutane Opioiddauerinfusion oder
spezielle Techniken der spinalen Opioidapplikation infrage. Bei
Krebserkrankungen z. B. im Bereich des Mund - und Rachenraumes
treten im Laufe der Zeit Schluckstörungen auf. Hier kann
die kontinuierliche subcutane Opioidinfusion zum Einsatz kommen.
Bei Morphin entspricht die äquianalgetische subcutane Tagesdosis
etwa einem Drittel der oralen Dosis (30 mg oral = 10 mg subcutan).
Wenn ein Opioid in Rückenmarksnähe epidural oder subarachnoidal
injiziert wird, kommt es zu einer lang anhaltenden und starken
regionalen Schmerzdämpfung. Die epidurale Opioidanalgesie
mittels Katheter ist die am häufigsten angewandte Methode.
Man benötigt lediglich 1 mg epidural injiziertes Morphin,
um dieselbe Wirksamkeit zu erreichen wie bei 15 mg oralem Morphin.
Die Injektionen müssen in festen Zeitintervallen (bei Morphin
bzw. Buprenorphin alle 8 - 12 Stunden) verabreicht werden.
Weitere Alternativen zu den vorgenannten
Verfahren sind die rektale Morphingabe und die transdermale
Applikation von Fentanyl
(Durogesic ). Bei rektaler Morphinapplikation steht jedoch kein
retardiertes Präparat zur Verfügung, so daß Morphin
- Suppositorien alle vier Stunden appliziert werden müssen.
Damit wird der Nachtschlaf unterbrochen. Vorteil der transdermalen
Applikation von Fentanyl ist die wenig belastende und potentiell
nebenwirkungsarme Anwendung des Pflasters, das unter idealen
Voraussetzungen nur alle 72 Stunden gewechselt werden muß.
Probleme bestehen noch bei der gleichmäßigen Abgabe
der Substanz, es treten teilweise starke Schwankungen in den
Plasmaspiegeln auf. Außerdem reicht die Wirkung oft nicht
aus, so daß mit anderen Opioiden kombiniert werden muß.
Die Ersteinstellung auf dieses Pflastersystem muß stationär
erfolgen, die Zulassung des Systems ist auf Tumorschmerzpatienten
beschränkt.
Nebenwirkungen (nach
oben)
Die Nebenwirkungen der vorgenannten Therapieverfahren
halten sich in gut überschaubaren, engen Grenzen. Nur die opioidbedingte
Obstipation stellt ein schwerwiegendes Problem für die Therapie
dar. Unter der chronischen Opioidtherapie ist daher die Obstipationsprophylaxe
Pflicht (Diät, Flüssigkeitszufuhr, orale und rektale
Laxantien). Unproblematisch ist die so oft postulierte psychische
Abhängigkeit bei Opioiden. Bei Einhaltung der Grundregeln
der Opioidtherapie treten keine Abhängigkeitssymptome auf.
Ausblick (nach
oben)
Die Linderung inkurabler Schmerzen ist
eine der wichtigsten ärztlichen
Aufgaben. Im Gegensatz zu vielen Vorurteilen lassen sich Schmerzen,
die durch eine Therapie der zugrundeliegenden Ursache nicht behandelbar
sind, mit einer einfachen und effektiven Therapie bei sehr vielen
Patienten ausreichend lindern. Die meisten hier angesprochenen
Therapieverfahren können und müssen auch vom Hausarzt
ambulant eingesetzt werden. Eine enge Kooperation mit einer Schmerzklinik
kann dazu beitragen, anfängliche Berührungsängste
abzubauen.
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